Von:
Jutta Schlesselmann

e-karwoche.de

Morgens holte sie die rot bemalten Eier aus dem Keller. Nun will sie sie am Mandelbaum im Vorgarten aufhängen. Sie nimmt ein Ei aus dem Karton, lässt es einen Moment in ihrer Hand liegen, bemerkt, wie die Farbe im Laufe der Jahre blasser geworden ist und erinnert sich, wie sie sie angemalt hatte. Wie lange ist das schon her. Sie liebt dieses Ritual des Eieraufhängens und lässt sich Zeit dabei. Es ist Karsamstag, der Tag vor Ostern. Die Sonne wagt sich zaghaft hervor und bringt nach dem langen Winter nun Blätter und Knospen zum Aufspringen.

Von den Tagen der Karwoche, die am letzten Sonntag begann, ist ihr der Karsamstag der liebste. Er ist so friedlich. Wenn sie daran denkt, dass dies in der Bibel der Tag war, an dem Jesus im Grab ruhte, dann empfindet sie diese Ruhe nach und fühlt sich dann selbst wie nach einer Beerdigung: zwar traurig, aber auch ruhig.

Sie unterbricht für einen Moment ihr Tun, setzt sich auf die Treppe vor ihrem Haus und hängt ihren Gedanken nach. Vergangenen Sonntag war sie im Gottesdienst. Dort war daran erinnert worden, wie Jesus kurz vor seinem Tod unter dem Jubel der Menschen in Jerusalem angekommen und mit Palmzweigen empfangen worden war. Daher kommt auch der Name für diesen Tag: Palmsonntag.

Nur vier Tage später wird der Gründonnerstag begangen. Sie empfindet ihn als einen sehr feierlichen Tag. Zwar, so las sie es in der Bibel, ist dies der Tag, an dem Jesus das letzte Mal mit seinen Jüngern zusammen war. Aber es ist auch der Abend, an dem Jesus allen Menschen das Abendmahl schenkte, das bis auf den heutigen Tag gefeiert wird.

Dann der Tag der Kreuzigung: Karfreitag. Wenn sie als Kind in ihrer Bibel gelesen hatte, dann hatte sie diese Seiten immer überschlagen: zu grausam, zu düster die Szenen der Gefangennahme und Kreuzigung Jesu. Die Kirche, die sie an Karfreitag besuchte, war rappelvoll gewesen, weil so viele Menschen zum Abendmahl gehen wollten. In der Kirche hatte es traurig ausgesehen: Die Behänge an Altar und Kanzel waren schwarz, der Altar ganz kahl ohne Blumen.

Wie gut, dass heute Karsamstag ist. Sie bleibt noch eine Weile in der Frühlingssonne sitzen, dann erhebt sie sich und hängt das letzte Ei am Mandelbaum auf. Ein Nachbar kommt den Weg entlang und grüßt sie freundlich: „Na, alles bereit für Ostern?“ Sie lächelt zurück: „Ja, jetzt kann Ostern kommen.“